Affoltener Anzeiger Freitag, 11. Nov. 2016
Die Ballade vom traurigen Café Zum Artikelverzeichnis
Musikalisches Erzähltheater in der Buchhandlung Scheidegger
Gastgeber waren KulturAffoltern und die Buchhandlung Scheidegger. Gäste die Schauspieler und Musiker Cornelia Montani, Joe Fenner, Daniel Schneider und Kristian Trafelet. Gespielt wurde ein Stück nach Carson McCullers und Edward Albee in einer Mundartfassung von Joe Fenner und Cornelia Montani.
Geschichten kann man ganz unterschiedlich erzählen. Bei traurigen Geschichten muss man eine passende Form wählen, sonst rutschen sie ins Sentimentale ab. Wie bringt man Zuschauende eines Theaterstücks dazu, Traurigkeit zu fühlen? Emotionen löst man am besten mit Musik aus. Dies schaffte das Quartett Cornelia Montani, Joe Fenner, Daniel Schneider und Kristian Trafelet am vergangenen Samstag hervorragend. Sie vermittelten Stimmungen in feinen Nuancen - und machten das Publikum betroffen.
Aufs Wesentliche beschränkt
Der Lagerraum der Buchhandlung liegt völlig im Dunkeln. Vier Schauspieler nehmen Platz. Eine Mundhar-monika erklingt mit einem einzelnen, leisen Ton. Und schon sind sie da, die Gefühle, man spürt die Einsamkeit und die drückende Hitze. Die Klarinette fällt ein, leise Singstimmen. Die vier auf alten Kisten und rostigen Tonnen sitzenden Schauspieler in Kleidern der amerikanischen Südstaatenfarmer beginnen zu sprechen. Sie erzählen die traurige Geschichte von Miss Amelia, beginnend am Schluss. Sie zeichnen das Bild eines Städtchens mit einer Baumwollfabrik, das mal bessere Zeiten gesehen hat. Mittendrin ein Haus mit verbarrikadierten Fenstern. Nur wenn die Hitze zu gross wird, öffnet sich ein Fenster und graue, schielende Augen schauen in die Weite. Das traurige Ende der Amelia.
Aussenseiter in einer Dreiecksgeschichte
Amelia war von klein auf Aussenseiterin. Sie betreibt einen Laden und braut Whisky. Ihr buckliger Vetter Lymon taucht auf, nistet sich ein und wird von Amelia nach Strich und Faden verwöhnt. Er weckt Wärme und Weichheit bei der robusten Amelia und das Café wird zu einem Treffpunkt, wo man sich im Winter aufwärmt und im Sommer fröhliche Feste feiert.
Was Lymon aber nicht weiss; Amelia war einige Tage mit einem Mann verheiratet, der in die Kriminalität abrutschte, nachde Amelia ihn nicht wirklich als «Ehemann» behandelt hatte. Er kehrt zurück, Lymon wendet sich ihm zu und wird völlig abhängig. Beide zerstören Amelias Welt und verschwinden. So weit die Dreiecksgeschichte von drei Aussenseitern. Aussenseiter sind ein dominantes Thema bei den Werken der 1917 geborenen amerikanischen Schriftstellerin Carson McCullers.

Ballade vom traurigen Café Cornelia Montani als Amelia verfällt dem buckligen Lymon, gespielt von Joe Fenner (links). Klarinettist Daniel Schneider (rechts) versteht es, mit seinem Instrument die unterschiedlichsten Gefühle auszulösen.
(Bild Regula Zellweger)
Musik berührt die Seele
Die vier Schauspieler sind Akteure und Geschichtenerzähler, spielen Live-Musik auf mehreren Instrumenten und singen - alles gleichzeitig, miteinander verwoben, und schaffen so eine oft beklemmende atmosphärische Dichte. Regisseur Klaus Henner Russius unterstreicht diese elementare Dichte, nichts ist überflüssig, nichts klamaukig.
Neid, Hass, Wut, Einsamkeit, Fröhlichkeit, Melancholie - alle diese Emotionen schwingen beim virtuosen Klarinettenspiel von Daniel Schneider mit. Die bluesnahe Musik verschlägt die Zuhörenden in die Südstaaten, die Themen und die damit verbundenen Gefühle aber sind allgegenwärtig, zu allen Zeiten und an allen Orten, wo Menschen je gelebt haben, aktuell leben oder je leben werden.
REGULA ZELLWEGER



Neue Zuger Zeitung Samstag, 5. März 2016
Als Miss Amelia erst spät die Liebe entdeckte Zum Artikelverzeichnis
ZUG «Die Ballade vom traurigen Café» ist die tragische Geschichte einer Frau. Aussergewöhnlich ist die Art und Weise, wie sie erzählt wird.
Miss Amelia ist eine starke Frau. Stark ist auch ihr Whisky, den sie in ihrem Dorfladen verkauft. Als eines Tages ein buckliger Mann auftaucht, der sich als ihr Vetter Lymon ausgibt, verändert sich ihr Leben. Die unnahbare Miss Amelia nimmt den Buckligen bei sich auf und kümmert sich liebevoll um ihn. Die Dorfbewohner sind verblüfft. Mit seinem unbekümmerten Wesen gelingt es dem Buckligen, Miss Amelia zu verführen. Sie blüht auf. Der Dorfladen wird zum Café und schliesslich zum warmen Treffpunkt des Ortes.
Schattenseite der Liebe
So fröhlich beginnt «Die Ballade vom traurigen Café». Geschrieben hat die Geschichte die amerikanische Autorin Carson McCullers vor 60 Jahren. Vorgestern Donnerstag erlebte das Publikum im Burgbachkeller die Schattenseiten der Liebe kennen.
Die vier Protagonisten sitzen im Halbkreis. Das Bühnenbild ist so rau wie die Stimmung von Miss Amelia, die nach einer unglücklichen Ehe völlig verbittert, bis Vetter Lymon bei ihr anklopft.


«Man muss dem anderen im richtigen
Moment das ‹Trampolin bereitstellen›.»

JOE FENNER, DER BUCKLIGE

Immer wieder brechen die Schauspieler aus dem Erzählen aus und schlüpfen in die Rolle der Hauptfiguren. Das ist die Besonderheit dieser Gruppe, die in ähnlichen Formationen schon oft zusammen aufgetreten ist. Dies sei anspruchsvoll, sagt Joe Fenner, der den Buckligen spielt. Man müsse dem anderen im richtigen Augenblick das «Trampolin bereitstellen», damit dieser den roten Faden übernehmen könne. Die vielen Übergänge wirken leicht und natürlich. Als Miss Amelias Ex-Mann Marvin Macey in das Dorf zurückkehrt, breitet sich eine bedrohliche Stimmung aus. Die nahende Gewitterfront simulieren die Künstler mit Trommelwirbel auf einem alten Fass.
Ballade vom traurigen Café
Sie verbinden Musik mit Theater.
Bild Fabian Gubser
Die vier Schauspieler sind gleichzeitig Musiker. Dorftrottel Ryan stimmt mit seiner Klarinette immer wieder frohe und melancholische Melodien an. So schnell wie die Gitarre von Marvin Macey ein Stück beginnt, so schnell verklingt die Melodie mit einem letzten seufzenden Ton aus der Mundharmonika von Miss Amelia. «Mich fasziniert das Verweben von Text und Musik», sagt Daniel Schneider im anschliessenden Gespräch. Er spielt Ryan und fühlt sich beim Erzählen oft an ein Streichquartett erinnert.
Intime Stimmung
«Diese Bühnen-Grösse ist ideal, darauf können wir uns ausbreiten», schwärmt Cornelia Montani. Sie spielt Miss Amelia und freut sich an diesem Abend über das Publikum. Aufmerksam verfolgt es, wie Miss Amelia schliesslich in ein katastrophales Dilemma gerät, als ihr Ex-Mann Marvin Macey (Kristian Trafelet) gemeinsame Sache mit Vetter Lymon macht. Nach eineinviertel Stunden schenken die Zuschauer den Künstlern einen grosszügigen Applaus. Die hohen Erwartungen, die vor der Aufführung im Foyer diskutiert wurden, konnten offenbar erfüllt werden. Die Inszenierung des Regisseurs Klaus Henner gelingt. Durch den gekonnten Einsatz von unterschiedlichen Stilmitteln erzeugt das Quartett eine intime Stimmung, in der man jeden Moment geniesst.
FABIAN GUBSER



St. Galler Tagblatt Freitag, 26. Februar 2016
Zartbitter schmeckt die Liebe Zum Artikelverzeichnis
Carson McCullers’ «Ballade vom traurigen Café» ist in der Kellerbühne als musikalisches Erzähltheater zu sehen – sparsam, einfühlsam, schwebend leicht.
ST.GALLEN. Eine Südstaatennest, eine Baumwollspinnerei, eine schäbige Hauptstrasse, eine starke Frau, die ihr Haus mit Brettern zunagelt – der Stoff für eine tragikomische Liebesgeschichte. Carson McCullers hat sie geschrieben, Edward Albee hat daraus ein Theaterstück gemacht. Die Kellerbühne zeigt «Die Ballade vom traurigen Café» in einer Mundartfassung von Cornelia Montani und Joe Fenner.
Sie halten sich eng an den Text und gehen doch frei mit ihm um. Reduzieren die Figuren, gewichten Erzählung und Dialoge neu, unterlegen das Spiel mit bluesigen Klängen und Liedern.
Muskeln wie ein Mann
Die Geschichte, in Rückblenden erzählt, handelt von der Liebe und von den Sehnsüchten dreier exzentrischer Figuren. Miss Amelia (Cornelia Montani), hochgewachsen und mit Muskeln wie ein Mann, führt den Krämerladen ihres Vaters weiter. Aus dem Nichts taucht ein buckliger Zwerg auf, ihr Vetter Lymon (Joe Fenner). Sie nimmt ihn auf, umsorgt ihn, und der geltungssüchtige Kerl macht aus ihrem Laden ein florierendes Lokal.
Die ganze Stadt trifft sich da und trinkt Miss Amelias Whisky. Das Café wird zum Herzen der Stadt, in der die Sommer glühen und die Winter eisig sind, das Café weckt die Stadt aus ihrem Schlaf. Doch dann wird Miss Amelia von ihrer Vergangenheit eingeholt. Marvin Macy (Kristian Trafelet) kehrt zurück.
Zehn Tage verheiratet
Sie hatte den Bad Boy der Stadt mit dreissig geheiratet und sich ihm in der Hochzeitsnacht verweigert. Nach zehn Tagen Ehe gab er auf und wurde endgültig zum Verbrecher. Jetzt verlässt er das Zuchthaus mit seiner Gitarre, macht sich in Amelias Haus breit. Und findet einen Verbündeten für seine Rache.
Regisseur Klaus Henner Russius dämpft den Showdown der Geschichte herab, den Boxkampf zwischen Marvin und Miss Amelia. Schwebend leicht bleibt die Inszenierung neben dem melancholischen Moll, das aus Daniel Schneiders Klarinette steigt.
Leidenschaft und Leid
Von der Liebe handelt letztlich Carson McCullers’ Kurzroman. Wir wollen «eher Liebende als Geliebte sein», sagt die Autorin. Die Liebe ist nicht nur Leidenschaft, sie ist auch Leiden und Qual. Und derart verändern sich die Beziehungen zwischen den drei Hauptfiguren. Äusserst virtuos und einfühlsam geht Russius mit all den Nuancen um.
Dann nagelt Miss Amelia ihr Haus zu, dann singen die vier das Lied der Kettensträflinge.
Ballade vom traurigen Café
Boxkampf im traurigen Café: Miss Amalia gegen Marvin Macy.
(Bild: Ralph Ribi)
DIETER LANGHART



P.S. Freitag, 29. Januar 2016
Melancholie Zum Artikelverzeichnis
Die menschlichen Abgründe in «Die Ballade vom traurigen Café» von Carson McCullers und Edward Albee sind tief und einzig unerfreulich, was Klaus Henner Russius dazu nutzt, sie in eine zarte Melancholie zu hüllen.
Die musikalische Erzählstruktur in der Dialektfassung von Cornelia Montani und Joe Fenner gibt das Träge der Hitze wie auch das Schleppende der Ereignisarmut in diesem Städtchen nahezu physisch erlebbar wieder. Dazu kommt eine alles verbindende melancholische Grundstimmung, die den meisten emotionalen Ausreissern der Figuren als Nivellierung dient. Denn deprimieren soll diese szenische Nacherzählung keineswegs. Wenn sie denn aber so partout auch nicht erfreulich sein will, benötigt es Massnahmen, die einen in eine Art Verrücktheit oder Trancezustand zu versetzen vermögen. Im wilden Westen gilt das Recht des Stärkeren. Das kann durchaus die Drugstore-Betreiberin Miss Amelia (Cornelia Montani) sein, die von ihren bisherigen Lebenserfahrungen emotional hart geworden ist und vornehmlich herrisch, launisch und knausrig agiert. Als ein buckliger Fremder (Joe Fenner) auftaucht, verkehrt sich ihre Abneigung allem gegenüber in eine übersteigerte, also vollumfängliche Hingabe dem Buckligen gegenüber. Mit zunehmender Geselligkeit der Gemeinschaft gegenüber beginnt auch das Geschäft zu erblühen, während ein verschmähter Gatte seit Jahren auf Rache sinnt und mit dieser veränderten Ausgangslage die Möglichkeit sieht, die Gunst der Stunde für seine Zwecke zu nutzen. Im Kampf gegen den weitherum gefürchteten Bräutigam (Kristian Trafelet), zu dem die Verbindung gerade mal zehn Tage dauerte, fällt Miss Amalia in alte Muster zurück, was es den beiden Männern sichtlich vereinfacht, sich in der Rache für ein beschädigtes Ego zu verbrüdern und gemeinsam gegen Miss Amelia vorzugehen. Hinterrücks, verlogen und unfair, versteht sich. Das Erstaunen der restlichen Dorfbevölkerung ist über die erste Veränderung von Amelia nicht geringer als über die zweite – die feige Distanziertheit demgegenüber ebenso wenig. Dem Grundton in Moll begegnet Regisseur Klaus Henner Russius mit grosser Sorgfalt und einem sicheren Händchen für virtuose Melodik, was einer zarten Melancholie gleichkommt, die einen sanft umarmt.
froh



Aargauer Zeitung Donnerstag, 14. Januar 2016
Im «traurigen Café» bleibt Liebe unerfüllt Zum Artikelverzeichnis
Die Premiere des musikalischen Erzähltheaters «DieBallade vom traurigen Café» im ThiK begeisterte dasPublikum.
Die Einöde des Südstaaten-Kaffs, das Schauplatz für «Die Ballade vom traurigen Café» ist, wird auf der Bühne des ThiKs, Theater im Kornhaus, nur mit drei verwitterten Brettern dargestellt. Die ganze Szenerie vermittelt Hitze und Einsamkeit. Cornelia Montani, Joe Fenner, Daniel Schneider und Kristian Trafelet sitzen in Farmerkluft auf rostigen Tonnen und alten Holzkisten. Man spürt, dass die Vier innerlich hoch konzentriert sind. Denn sie werden in ihrer Mundart-Version der tragischen Dreiecksbeziehung von Miss Amalia, ihrem Ehemann Marvin Macy und dem buckligen, zwergwüchsigen Vetter Lymon gleichzeitig Akteure und Geschichtenerzähler sein, dazu Live-Musik auf mehreren Instrumenten machen und singen. Das Verweben der verschiedenen Elemente zu einer manchmal geradezu beklemmenden atmosphärischen Dichte gelingt ihnen schon bei der Premiere absolut hervorragend. Dabei verzichten sie in der spröden optischen Umsetzung ihres musikalischen Erzähltheaters unter der Regie von Klaus Henner Russius auf jeglichen Schnickschnack.
Carson McCullers Novelle «Die Ballade vom traurigen Café» gehört zu den Klassikern der amerikanischen Literatur. Die Schriftstellerin (1917 bis 1967) beschäftigte sich immer wieder mit dem tragischen Schicksal kontaktarmer Aussenseiter. Und deren vergeblicher Suche nach Liebe. So führt die eigenbrötlerische Miss Amelia mit sturer Unerbittlichkeit den Laden ihres verstorbenen Vaters weiter und brennt illegal Whiskey. Sie heiratet einen Mann, der sie vergöttert, vollzieht die Ehe mit ihm aber nie. Der Verschmähte, selber ein dreister Frauenheld, wird kriminell und landet im Zuchthaus. Dort schwört er Vergeltung. Amelia schenkt ihre Zuneigung und ihr Vertrauen wiederum einem zwergwüchsigen Mann, der ihre Gefühle missbraucht. Doch sie blüht für kurze Zeit auf.
Katastrophe ist vorprogrammiert
Amelia eröffnet ein Café, wo sich die ganze Stadt trifft. In der trostlosen Abgeschiedenheit scheint so etwas wie Menschlichkeit aufzukeimen. Doch sie ist von kurzer Dauer. Immer mehr gewinnen Wut, Neid und Hass Oberhand. Die Katastrophe ist vorprogrammiert. Am Ende liegt alles, was kurze Zeit Seele des Städtchens gewesen war, in Trümmern. Begleitet wird diese Zerstörung durch bluesgeschwängerte Musik. «Die Ballade vom traurigen Café» spielt zwar in den Südstaaten der USA, beleuchtet aber Lebensthemen, die alle betreffen: menschliche Unzulänglichkeiten, unerfüllte Liebe und Andersartigkeit. «Ich will in meinem Theaterproduktionen Schicksale erzählen, die Menschen berühren, weil sie darin ein Stück ihrer eigenen Geschichte erkennen», sagt die in Winterthur lebende Montani dazu.
URSULA BURGHERR